Ein süßes Dasein

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Bei der Frage, ob ich den schlimmen Diabetes habe oder den anderen, muss ich immer lachen. Es ist tatsächlich weitaus anstrengender, mich mit fachsimpelnden Pseudowissenschaftlern auseinanderzusetzen, als mit meinem Diabetes. Wie läuft die Beziehung mit meinem Süßen eigentlich?

Super! Wir kennen uns jetzt seit 38 Jahren und haben jede Menge Spaß miteinander. Unsere Kinder, der kleine Blutzuckersensor, den ich immer am Arm trage und die kleine Pumpe, die immer an mir hängt, sind fast zehn Jahre alt. Und mal Butter bei die Fische: Diabetes ist tatsächlich wie eine Beziehung – entweder kooperiert man zusammen, oder es entstehen eben Probleme, die zur Belastung werden.

Ich bin grundlegend kooperativ, wenn man mich faszinieren kann. Und das kann er. Wenn ich zum Beispiel enttäuscht oder menschlich verletzt bin, was man mir äußerlich nur schwer ankennt, geht mein Blutzucker in die Höhe. Bin ich euphorisiert, voll guter Laune läuft mein Blutzucker einwandfrei. Nun arbeite ich größtenteils und am liebsten als Schauspieler. Und meine Rollen verlangen durch ihr Eigenleben, unabhängig von meinem, ihre individuelle Emotionswelt. Spannend dabei ist, dass auch hier mein Blutzucker mit jeder Regung mitgeht. Das ist bei weitem nicht wissenschaftlich belegt. Allerdings kann ich es seit den vergangenen zehn Jahren studieren und mit mir experimentieren. Durch die heutige Technik sehe ich den aktuellen Wert des Zuckergehaltes im Blut, die Entwicklung und Wirkung des von mir zugeführten Insulins und den gesamten Tagesverlauf auf dem Smartphone. Eine Pizza zu essen heißt dann zum Beispiel zu wissen, dass sie den Körper mit etwa 80 Gramm Kohlenhydrate beschäftigt. Und nun geht es darum herauszufinden, wieviel Insulin ich persönlich dafür brauche und wann es im Körper abgegeben werden soll. Denn für so eine große Mahlzeit arbeitet der Körper nunmal mehrere Stunden unterschiedlich intensiv.

Und bei dieser Arbeit unterstütze ich ihn. Täglich. Und das sollte nicht nur ein Diabetiker tun, sondern grundlegend jeder. Daher gib es für mich keinen mehr oder weniger „schlimmen“ Diabetes. Für mich gibt es die Überzeugung, dass mein Dasein ein Wunder ist, das für mich an erster Stelle steht. Mit Diabetes ein süßes.

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