★ LebensKünstler ★

Akrobat schöön

Am 23.04.24 wird an einem uns völlig unbekanntem Ort wahrscheinlich eine Geburtstagstorte nicht übergeben, sondern geworfen werden. In das herrliche Gesicht mit der vierkantigen Clownsnase und den seitlich abstehenden, roten Haaren von Charlie Rivel.

Zu seinem diesjährigen 127. Geburtstag habe ich nun endlich sein Buch gelesen. Es hat richtig danach gerufen, als mir einmal mehr unerträglich geworden ist, wie die gar nicht lustigen Clowns der Politik unbeholfen im Zirkus des Weltgeschehens umherirren.

Ich kann jedem nur empfehlen: Lasst euch von Charlie erzählen.
Mir war lange nicht mehr so viel zum Lachen zumute. Karl Valentin sagte zu ihm, er sei der einzige, der ihn zum Lachen gebracht hat; das will etwas heißen. Und Charlie Rivel tut es mit Einfachheit. Gerade darin liegt die große Kunst seines Könnens. Er erzählt davon, was ihm durch den Kopf ging, als er gerade die Bühne verlassen hatte und der Alarm eines Fliegerangriffs losging; wie es ihm erging, als er am Tag danach in die Gesichter der Menschen sah und nicht wusste, wie man jetzt heiter und vergnügt sein konnte. Wie er es angestellt hat, todtraurig und verletzt zu sein, vor der Aufgabe aber stand, sein Publikum zu motivieren. Was macht der Mensch, den andere Menschen für die gute Laune bezahlen.

Er jongliert mit den Bällen des Schicksals, der Empathie und Naivität, um die Menschen in den Reihen hintereinander als Einheit zu verbinden, anstatt Argumente, Statistiken und Bloßstellungen durch die Luft zu werfen, um die Kommentarspalten untereinander im Internet als Publikum zu benutzen.

Schon nach den ersten Seiten des Buches weiß ich, was uns heute fehlt.
Es ist zum Beispiel die Erfahrung aus jener Geschichte, die er mit den Worten einleitet: „Ich wurde am 24. April 1896 in Cubellas geboren.“ Was nach einem einfachen Fakt klingt, trägt aber eine von vielen Clowngeschichten par excellence in sich, die der mit Auszeichnungen „medaillierte“ Meister seines Fachs über 260 Seiten anlässlich seines damals 75. Geburtstages preisgibt. Nicht nur jene Anekdote, die hinter dem kurzen Satz steckt, beinhaltet so viel Wunderbares. Den einfachen Glauben an eine bisherige Wahrheit. Die Offenheit gegenüber jedem Augenblick und die bedingungslose Neugierde, das Entgegenbringen von Faszination und Dankbarkeit gegenüber dem, was ist, und allen Möglichkeiten.

Mein geneigter Leser mag sich fragen, was denn jetzt aber die Geschichte eines Clowns zu eben einer Clowngeschichte macht?

Vermutlich, dass gerade er, der „Geringste unter den Geringsten“, der gern gesehene Narr am Hof des Königs ist. Tatsächlich hatte Charlie, der mit bürgerlichem Namen Joseph Andreu i Lassere hieß, seinerzeit sozusagen quasi „am Hof“ gastiert. Als nämlich die große Elisabeth selbst noch in Kinderschuhen die Kleine neben ihrem Papa war, der damals England regierte.

Einem wunderbaren Clown wie Charlie Rivel ist, ähnlich wie allen Kindern, völlig schnuppe, ob durch ihre Aktion Winston oder Adolf gelacht haben. Denn sie wissen eines: Während die Menschen gelacht haben, konnten sie nichts anderes anrichten. In diesem Moment waren alle miteinander friedlich im Guten verbunden.

Danke Charlie, dass du mich so plötzlich besucht hast.
Es war zum richtigen Zeitpunkt.