★ LebensKünstler ★

Heul doch!

Also, ich heule wenig, aber manchmal aus dem Nichts heraus.

Rund 80 Liter weint man angeblich innerhalb eines Lebens. Die Vorstellung unzähliger Menschen, die ein Leben lang ihre Tränen sammeln mussten, um diese Zahl heute statistisch erfasst zu haben, bringt mich allerdings zum Lachen. Wie werden solche Daten erhoben?

Egal. Tanja Wolf, Medizinjournalistin, die über Theorien emotionaler Tränen 1 schreibt und Prof. Dr. med. Ohrloff, der alles übers Auge weiß (was auch lustig ist), widerlegen sich ohnehin gegenseitig 2.

Was außer Frau Wolf und Herrn Prof. Dr. Ohrloff ausschließlich ich weiß, ist die Tatsache, dass ich meist in Zusammenhang mit Kränkungen heule, die ich über einen längeren Zeitraum sammle, wie früher Fleißbildchen. Mit dem Unterschied, dass ich mich über die Fleißbildchen gefreut habe damals.

Ich konnte lange nicht erklären, warum ich mit Kränkungen gar nicht umgehen kann. Bis ich innerhalb meines Psychologiestudiums auf folgende Aussage gestoßen bin: „[…] der Mensch, der stur Herr in seinem Haus sein will, übersieht, was ihn und uns alle geprägt hat, und er erfährt weder, woher er kommt, noch, wo seine Ideen ihren Weg in das Bewusstsein beginnen.“ Er stammt von Sigmund Freud. Darüber kann man nachdenken. Und es bringt viel Interessantes mit sich.

Mir ist aber noch etwas anderes aufgefallen. Nämlich, dass sich Kränkungen in unseren Alltag als eine Selbstverständlichkeit eingeschlichen haben und zu einem beiläufigen Nebenprodukt unserer Kommunikation geworden sind. Eine schnelllebige Gesellschaft stützt das. Sie denkt kaum mehr über ihre Äußerungen nach; dass Worte eine Wirkung, ja, eine immense Macht haben. Angestachelt von den zum allmächtigen König gemachten Online-Interaktionen und sozialen Medien voller Formulierungen, die allzu leicht missverstanden werden; und von der Anonymität des Internets, die die Rücksichtslosigkeit im Umgang mit den Gefühlen anderer auf eine bisher vielleicht nie dagewesene Art und Weise beherrscht; die andauernde Konfrontation mit ständigem Vergleich und Bewertungen auf sozialen Plattformen.

All das schürt ein unkontrolliertes Bombardement an Kränkungen. Und ich schreibe das mit dem Bewusstsein als mögliche Allegorie auf unsere heutige Situation, in der es nur so von Kriegsszenarien brodelt.

Es ist interessant, dass wir in einer Welt leben, in der wir sogar die Menge an Tränen quantifizieren können, die wir in unserem Leben vergießen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir anfangen, die Menge an Freundlichkeit und Verständnis zu messen, die wir in unserem Leben zeigen. Wie wäre das wohl, wenn wir uns auf die statistische Erfassung fokussieren würden, wie viele freundliche Worte wir aussprechen oder wie oft wir uns die Zeit nehmen, jemandem zuzuhören?

Vielleicht würden wir dann sogar feststellen können, dass diese Zahlen weit über den 80 Litern Tränen liegen, die wir in unserem Leben vergießen. Und vielleicht würde diese Vorstellung auch mehr zum Lachen bringen – nicht aus Ironie, sondern aus Freude an der Menschlichkeit. 

  1. Quarks – Darum weinen wir ↩︎
  2. Das Rätsel emotionaler Tränen ↩︎