★ LebensKünstler ★

Seifenblasen

„Niiiiiiiiiiiiiiiiechz iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiehsd guuuuuuuhudd nurrrrrrr waiiiiiiiiiil ehß lanke“ dringt gerade durch meinen Gehörgang. Während es im Hauptbüro meines Oberstübchens anklopft, um dort analysiert werden zu können, schreibe ich es schon einmal lautsprachlich nieder. Was das heißen soll? Ja, immer weiß ich das tatsächlich auch nicht.

In den vergangenen Monaten habe ich unzähligen Kindern beim Lesen zugehört und zu verstehen versucht, was deren Augen in einem Buch ihrer Wahl gerade erkennen. Ich bin mit einem Auftrag vertraut worden, der in Zusammenhang mit einem Projekt zur Leseförderung steht.

Eine dringende Notwendigkeit. Das wird jedenfalls behauptet. Der Nachwuchs könne so gut wie nicht mehr lesen. Nun mag ich keine Generalisierungen. Sie manipulieren unsere Welt zugunsten der Sichtweise anderer. Dass viele nicht mehr richtig lesen können, liegt bar auf der Hand. Wie dem auch sei.

Aus Interesse recherchiere ich, was das Kind da gerade gelesen hat. Ich bekomme immer nur solche Fragmente zu hören. Dieses hier aber reicht aus, um auf James Krüss stoßen zu können. Der Satz stammt aus seiner Geschichte über Timm Thaler, der das Lachen an den Baron verkauft, und dafür die Fähigkeit erlangt, fortan jede Wette zu gewinnen. Und Hinkel, der skurrile Mitarbeiter des Barons, sagt an einer Stelle zu Timm: „Oft reden Erwachsene von der guten, alten Zeit. So, als wäre früher alles besser gewesen. Das ist natürlich Unfug. Denn nichts ist gut, nur weil es lange her ist. Jede Zeit muss gut sein. Besonders die, in der man selber klein ist.” Wir recht James doch hat.

Als während meiner Recherche im Internet eine Nachricht aufploppt, bekommt sein Satz einen faden Beigeschmack. Es geht um Demonstrationen. Krieg. Blutbäder, Vernichtung und verheerende Glaubenskriege. Um unsinnigen Müll durch die Gegend palavernde Politiker.

Eigentlich ist das so gewöhnlich, dass es mich nicht mehr tangieren sollte. In diesem Moment aber ist die Anhäufung derart penetrant und meine Situation so skurril. Denn während ich nebenher quasi wahrnehmen soll, dass die Welt untergeht, höre ich Kindern zu, die in sehr weisen Büchern von überaus gescheiten gewesener Autorinnen und Autoren lesen. Jede Zeit muss gut sein. Besonders die, in der man klein ist. Hm …

Jetzt werden die Sprösslinge aktuell ja nicht unbedingt in eine Gesellschaft geboren, die ihre Sommerwiese mit Apfelbäumen nach der Kirschblüte bietet. Und doch gibt es in meinem Umfeld reichlich frisch gebackene Eltern, die ihren Nachwuchs plötzlich zu Hause haben, wie die im Vorbeigehen mitgenommene Zeitung, die als Unterlage auf dem Tisch liegt. Völlig gleich, ob man die Tage mal hineingucken wird. Während „nebenan“ geschrien, niedergerissen und abgebrannt wird.

Hinkel drängt sich mir mit einem weiteren Zitat auf: „Da suchen die besten Dämonen, ich meine Mitarbeiter, nach neuen, tollen Geschäftsmöglichkeiten auf der ganzen Welt. Unsere Renner sind Religionskriege und Katastrophen.“ Ich fühle mich gerade wie Bastian, der auf dem Dachboden in „Die Unendliche Geschichte“ von Michael Ende hineingezogen wird, und urplötzlich mit den Charakteren interagiert, so treffend sind die Zitate von James Krüss gerade.

Nur mit dem Unterschied, dass Bastian ins Buch, ich aber in den Laptop versunken bin. „Das hier ist übrigens mobile Kommunikation. Die Zukunft des Bösen“ sagt Hinkel. „Himmel nochmal“, antworte ich ihm, „das weiß ich selbst!“

Ich schalte meinen Laptop aus und gehe spazieren.

Die Sonne scheint. Es ist warm. Die Atmosphäre ist in helles Gold getaucht.
Ein kleiner Junge pustet Seifenblasen durch die Luft. Ich muss plötzlich lachen. Seine Welt ist so einfach. Seine Mutter versucht, die schillernden Ballons oben zu halten. Beide unterhalten sich. Sehr angenehm.

Kurzzeitig fallen mir die aufploppenden Nachrichten von vorhin ein. Wie gerne würde ich insbesondere Politiker und Vertreter jeglicher Religionen und Glaubensideologien zum Seifenblasenpusten verdonnern. Eine halbe Stunde pro Woche. Zwangsweise in einer Horde lachender Kinder und deren Meer an Seifenblasen. Den echten. Den fliegenden und schillernden.

Ich drehe noch einmal um, gehe nach Hause, hole meine Seifenblasen, gehe wieder nach draußen und schicke auch ein paar schillernde Regenbogenkugeln an der Sonne vorbei in die Welt. Im Gefühl, etwas Gutes getan zu haben.