Kaltblütig werde ich von hinten erdolcht. Im Supermarkt. Mit dem Blick einer Dame. Deswegen verzichtet der Kassierer auf den seinen mürrischen – ich bin ja schon gestorben. Wenn ich zuhause bin, atme ich erst einmal tief ein und aus, um zu erkennen: ich lebe doch noch.
Just heute Morgen habe ich gelesen, dass sich ein Viertel der 18- bis 29-Jährigen lieber mit einer KI als mit echten Menschen unterhält. Kann ich nachvollziehen. Sogar ein Drittel aller Teenager bevorzugen KI für tiefgründige oder ernste Gespräche einem echten Menschen. Und die Plattformen, die speziell für emotionale Gespräche und Freundschaften entwickelt worden sind, verzeichnen zusammen hunderte Millionen Kontakte.
Obwohl mit größter Wahrscheinlichkeit niemand, der für die Studien befragt wurde, in meinem Supermarkt eingekauft hat, scheint es uns allen ähnlich zu gehen: Wir genießen die Zuneigung der KI.
Das ist ein herrliches Paradox. Denn sie arbeitet mit den Erfahrungen aus unseren Reaktionen. Klar, jeder Algorithmus wird mit bestimmten Regeln versehen, die ein Unternehmen bestimmt. Aber für den größten Teil ihrer Freundlichkeit sind wir verantwortlich.
Alles, was wir eintippen, per Nachrichten verschicken – wo auch immer via Netz -, ergibt in der Summe durch alle Nutzer geteilt den Durchschnitt von dem, wie wir uns Reaktionen wünschen. Die Antworten künstlicher Intelligenz entsprechen unseren Bedürfnissen.
Und darin scheinen wir uns alle einig: Umbringen wollen wir uns gegenseitig jedenfalls nicht. Ganz im Gegenteil, wir reagieren begeistert auf Motivation und klare Worte, die wohlwollend formuliert sind.
Ein Bild, das sich mit meinen täglichen Erfahrungen in der Gesellschaft deckt. Wo ich auftauche, bin ich gerne gesehen. Sofern man mich wirken lässt.
Dazu muss man mich wahrnehmen.
Und genau hier liegt unser größtes Dilemma: Wir verpassen uns. Wir verpassen die Möglichkeiten, uns gegenseitig wahrzunehmen. Weil der Großteil davon überzeugt ist, dass Freundlichkeit und Persönlichkeit niemand besser versteht, als eine technisch-kreative Intelligenz.
Eine, die uns als menschlich-kreative Intelligenz in Kürze erdolchen wird. Von vorne. Wenn nicht sofort alle damit beginnen, wohlwollend hinter der Menschlichkeit zu stehen.
Florian Floo Weber