Typ1-Entertainer – was’n das?

Ich bin Entertainer. Ich bin auch Diabetiker – Typ 1. Und weil ich Entertainer UND Diabetiker bin, darf ich auf keinem Kreuzfahrtschiff dieser Welt arbeiten. Wer jetzt nur Bahnhof versteht, den hol‘ ich gern direkt dort ab.

Was hat'n Entertainment mit Typ1-Diabetes zu tun?

Erstmal gar nix. Und seit 1985 hab‘ ich auch noch nie Schwierigkeiten damit gehabt.

Im Juli 2024 bekomme ich dann das Angebot, ab März 2025 mit „MEIN SCHIFF“ für rund fünf Monate als Entertainer auf Kreuzfahrt zu gehen – von HongKong bis Triest mit der Aussicht auf Folgeverträge. Nach dem uns das Corona-Gedöhns alle ausgebremst hat, war das natürlich genial. Für mich persönlich ein Traum. Diabetes sei kein Problem, hieß es beim Casting. Warum auch? Schließlich sind jährlich geschätzt rund 3 Millionen Diabetiker auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs.

Gäste dürfen Diabetes haben, Künstler nicht.

Eine Seefahrt die ist lustig, eine Seefahrt die ist schön… Wer dort arbeitet braucht aber eine amtsärztliche Bestätigung für die Tauglichkeit.

Und Frau Dr. Amtsärztin sagt: „Nö!“, schränkt mein Seediensttauglichkeitszeugnis auf sechs Monate ein und erlaubt mir „nur auf europäischen Gewässern“ arbeiten zu dürfen.

Das‘ ja doof! Denn die Agentur, die für die Rekrutierung von Mitarbeitern verantwortlich ist und die Abwicklung der Arbeitsverträge übernimmt, sagt: Wir brauchen das Zeugnis für 2 Jahre und ohne Einschränkung: „Jetzt darfste nich‘ mitfahren!“ WHAT??

Solche amtsärztlichen Untersuchungen dürfen maximal zwei Monate vor Arbeitsbeginn stattfinden. Also erfahre ich die Hiobsbotschaft als bereits alles geplant ist:

Der lustige Floo hat mal eben drei Soloshows entwickelt und sie samt den beiden weiteren Ensemble-Shows einstudiert. Ein paar Lesungen on top. Auch die merkwürdigen Impfungen gegen Pullabrüll und Tibudingdong (keine Ahnung, was ich mir da alles in den Arm rammen hab‘ lassen) war’n plötzlich völlig umsonst. Ganz abgesehen von diversen Schulungen zu Cybercrime und Überfällen von Piraten – in Vorfreude darauf, mir keine bzw. weniger Gedanken über künftige Engagements machen zu müssen.

Also sagt der lustige Floo ab Juli 2025 mal eben alle Eventualitäten ab und plant ab da auch keine weiteren mehr, um sich für die nächste Zeit erstmal der Seefahrt zu verschreiben.

Ja spinnt denn der Floo? Warum hat er sich denn vorher nicht genauer darüber informiert?

Weil mein Diabetologe seines Amtes Verkehrsgutachter (…), ab der Zusage gleich noch extra ein Attest ausgestellt hat. In dem bestätigt er meine hervorragende und vorbildliche Einstellung und die absolute Unbedenklichkeit für den Beruf als Entertainer auf so einem Kreuzfahrtschiff. Schließlich sei es in England Diabetikern mittlerweile erlaubt, sogar als Pilot durch die Lüfte zu fliegen.

Der absolute Clou kommt jetzt!

Im Dezember 2024 lädt mich meine Ma auf Karibikkreuzfahrt ein – als Gast natürlich und quasi zur Vorbereitung. Wie es der Zufall haben will, unterhalte ich mich dabei auf dem Schiff der Konkurrenzreederei explizit mit dem Rezeptionisten, der ebenso Typ1-Diabetiker ist und seit Jahren international unterwegs.

Ein Fakt, den ich theoretisch als juristische Grundlage brauchen könnte – wusste ich zu dem Zeitpunkt aber eben leider noch nicht.

Im Januar folgen dann die Absage und mehrere Monate Kampf gegen Gesetz und Widrigkeiten im Sinne der Gerechtigkeit. Ich bin so – ich will da einfach Fairness und Gleichberechtigung.

Aber …

  1. will sich dazu niemand äußern. Ich bekomme kein persönliches Gespräch – mit keinem. Auch Nachfragen in Sachen „warum der Rezeptionist und ich nicht darf“ bleiben sowohl seitens Reederei als auch von dem Heini der oberer Stelle der Aufsicht über die Einhaltung aller Gesetze unbeantwortet.
  2. gibt es kontroverse Handhabung mit so Behindis wie mir. Magste wissen?

DIE WIDERSPRÜCHE

Das Internet ist voll von konträren Aussagen:

Ich habe ein Jahr lang auf einem Kreuzfahrtschiff als Lichtdesigner gearbeitet 🙂 absolut verdammt geliebt! Hatte eine Insulinpumpe und einen CGM.“ (Quelle: reddit)

Oder „Ich wurde aufgrund meiner Insulinabhängigkeit abgelehnt (zur Erinnerung: ALLE Typ-1-Diabetiker sind insulinabhängig), trotz guter Einstellung meines Diabetes.“ (Quelle: reddit)

Oder: „Ich bin Diabetiker und arbeite auf einem Kreuzfahrtschiff. Ja, ich weiß, dass die meisten Firmen Diabetikern die Mitfahrt verweigern, selbst bei normalem Blutzucker. Ja, ich habe in meinem ärztlichen Attest darüber gelogen. Ja, es ist echt hart.“ (Quelle: reddit)

Bei Neptun! Das ist ja eine bodenlose Frechheit. Und bei sowas geh‘ ich auf die Palme.

Vor allem, weil ich noch kürzlich als Zugbegleiter gearbeitet hatte – ihr wisst schon: Coronazwang -, wo ich die Verantwortung der Sicherheit aller Fahrgäste eines gesamten Zuges getragen hatte.

Meine Bemühungen, für Ordnung in der ganzen Sturmflut zu sorgen, werden immer schwerer. Weil ich mich mit niemandem austauschen kann – keiner der Verantwortlichen lässt sich auf Gespräche oder mögliche Alternativen ein. Ich fühl‘ mich aussortiert und denke mir zum ersten Mal: Bin ich jetz‘ behindert, oder was??

Tatsächlich treibt mich der Vorfall nicht nur finanziell in den Ruin (okay, nennen wir es ein mittleres „Fiasko“), sondern auch energetisch. Die Motivation ist raus. Aufgeben oder neu starten?

NEUSTART

Okay, wenn ich jetzt schon selbst rudern muss anstatt mit großem Triebwerk zu fahren, dann reiß‘ ich jetzt wenigstens das Ruder rum:

Ich mach den Kack-Fakt meiner Behinderung (die bis heute 40 Jahre lang noch NIE irgendwo ein Problem war) zu meinem Markenzeichen: der Typ1-Entertainer – danke Mama einmal Meer … ähm mehr, für die großartige Idee!

Mein großes Bühnenidol, Mary alias Georg Preuße sang zum 30. Bühnenjubiläum: Ich fang erst an!. Zufall, dass auch mir nächstes Jahr mein 30. Bühnenjubiläum bevorsteht? Und auch Helmut Lotti, den ich für seinen Stil und Charme schätze, feiert nächstes Jahr sein 30jähriges Bühnenjubiläum. Na also wenn das keine guten Zeichen sind, oder? Was meint ihr?

Wie dem auch sei: Ich fang‘ nicht erst an, sondern starte noch einmal richtig durch – gerade jetzt! Vielleicht (noch) nicht auf’m Wasser, dafür aber an Land. Der Typ1-Entertainer mit Landgang 😉

Darum, Bühnen dieser Welt, habt Acht!
Hier kommt der Floo, nun wird gelacht,
es wird vereint, es wird gesungen.
Und wenn der letzte Ton verklungen,
dann hört man noch im Hall
die warmen Freuden überall.

Das Entertainment ist was feins –
und es braucht dringend nun Typ 1!

 

(In dem Zusammenhang ist mir was lustiges aufgefallen: Den folgenden Song hab‘ ich vor 10 Jahren geschrieben und gesungen – mit einem Text, der aktuell mega passt; an einigen Stellen wie extra dafür geschrieben.) 

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